Jeder hat seine Grenzen

Seine eigenen Grenzen wahrzunehmen und anderen Grenzen zu setzen ist nicht jedermanns Sache. Jede Familie von Krebskranken kommt irgendwann an ihre Grenzen.

Niemandem ist damit gedient, wenn Angehörigen die Puste ausgeht, sie ausgelaugt und unzufrieden sind. Es hilft also auch dem Kranken, wenn alle Beteiligten, das an Unterstützung geben, was sie geben können und geben wollen. So unvorstellbar es am Anfang ist, das Leben geht trotzdem weiter und auch der Alltag der Angehörigen muss weiterhin bewältigt werden. Eine rechtzeitige Absprache kann zum Beispiel klären, ob und wann der Erkrankte begleitet werden möchte. Wenn man Termine für Chemos oder Bestrahlungen in den Tagesablauf einplant, können Fahrten oder Begleitungen unter Angehörigen aufgeteilt werden oder gegebenenfalls Freunde und Bekannte um Hilfe gebeten werden.

Mit den richtigen Worten ist es sicherlich möglich, dem Kranken klarzumachen, warum ihm ein Wunsch abgeschlagen wird, oder warum die von ihm benötigte Hilfe nicht geleistet werden kann.

Das gilt allerdings auch für den Betroffenen. Meist möchten Krebspatienten gar nicht ständig im Mittelpunkt stehen. Es ist ihnen unangenehm. Sie fühlen sich vielleicht sogar zusätzlich geschwächt, bevormundet oder zu sehr in Watte gepackt. Auch ihre Grenzen sollten gewahrt werden.

Während einer Immuntherapie, die mein Mann gut vertrug, war er froh, alleine zur Klinik fahren zu können. Er fühlte sich so weniger krank. Oft ist er anschließend zur Arbeit gefahren. Alltägliches − wie Auto zu fahren oder zu arbeiten − wieder bewältigen zu können, hat ihm Auftrieb gegeben. Dass er meinem Wunsch, sich mehr zu schonen, nicht nachkam, musste ich akzeptieren und darauf vertrauen, dass er am besten wusste, was das Richtige für ihn war.

Im Verlauf der Erkrankung oder bei Rückfällen kann sich die Bereitschaft, sich helfen zu lassen oder zu helfen, auf beiden Seiten verändern. Die Grenzen verschieben sich… Die einen entwickeln manchmal ungeahnte Kräfte, andere werden auf einmal hilflos und schwach. Darum ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben. So erfährt jeder welche Bedürfnisse und Möglichkeiten der andere gerade hat. Wenn man es schafft, in sich hineinzuhorchen, läuft man nicht Gefahr, seine eigenen Grenzen ständig zu überschreiten.

Ich habe meinen Mann eine Zeit lang nicht zu Untersuchungs- und Diagnoseterminen begleitet. Die Anspannung im Wartezimmer wurde für mich unerträglich: Das Bangen, ob es wieder neue Metastasen gab oder alte nicht erfolgreich behandelt worden waren, hat mich so überfordert, dass mein Blutdruck stieg und ich ein Nervenbündel war. Also habe ich entschieden, diesbezüglich eine Pause einzulegen. In diesem Zustand war ich ihm sowieso keine Hilfe…

Foto: pixabay

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