Sprich es aus!

Durch meinen Kontakt zu Angehörigen von Krebspatienten ist mir gerade wieder bewusst geworden, wie wichtig es für sie ist, dass auch sie ihre Gefühle und Erlebnisse mit der Krankheit aussprechen bzw. ausdrücken. 

Wenn man als Angehöriger im Krankenhaus, in der Arztpraxis oder in einem anderen Zusammenhang schwierige, z. B. lebensbedrohliche, Situationen des Patienten (mit)erlebt, die ängstlich (dass er das nicht überlebt) oder traurig (über das Leiden des anderen) machen oder übergroßes Mitgefühl auslösen, bleiben das Erlebnis und die damit verbunden Eindrücke und Gefühle manchmal für lange Zeit real, wenn man sie nicht verarbeitet hat. Hier hilft vor allem, so früh wie möglich anderen von diesem Erlebnis zu erzählen, Erlebtes und Gefühltes in Worte zu fassen und auszusprechen. Sonst kehren die Szenen immer wieder zurück. Kann man die Gerüche und Geräusche noch Wochen später wahrnehmen, die eigenen Körperreaktion auf das Erlebnis wie schneller Herzschlag, erhöhter Puls, Druck im Magen immer wieder spüren, ist das ein Zeichen dafür, dass das Gehirn das Erlebnis noch nicht soweit verarbeitet hat, dass es als Erinnerung in das Langzeitgedächtnis wandern kann. Solche traumatischen Erlebnisse oder Flaschbacks bedürfen der Behandlung von Therapeuten.

 

Ich dachte damals, dass ich meine Erlebnisse und Eindrücke niemandem zumuten kann. Das zeigt, wie sehr ich in meinem Erlebten gefangen war. Denn natürlich kann man es anderen Menschen zumuten, davon zu erzählen, was man erlebt und gefühlt hat. Viele Angehörige fühlen sich egoistisch und wägen ihr Leid mit dem des Patienten ab. Aber auch das Leid von Angehörigen hat seine Berechtigung. Auch wenn sie selbst nicht erkrankt sind, (be)trifft die Krebserkrankung sie emotional. Denn Krebs löst viele Gefühle aus: Angst, Hilflosigkeit, Mitleid, Verzweiflung, Wut… Angehörige sind immer mitbetroffen.

 

Dass man selber etwas als unerträglich empfindet, weil man als nächster Angehöriger natürlich emotional extrem be- und getroffen ist, heißt nicht, dass es anderen, Außenstehenden genau so geht. Außenstehende haben eine größere Distanz (zum Patienten und zum Angehörigen). Sie waren nicht dabei, haben es nicht miterlebt, sind emotional nicht betroffen. Wenn Sie keinen Ansprechpartner für solche Gespräche haben, andere Familienangehörige, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, Nachbarn, Ärzte nicht in Frage kommen, dann wenden Sie sich an eine Krebsberatungsstelle oder andere psychosoziale Einrichtungen. Dort hören Ihnen Menschen zu, die es gelernt haben, solche Erlebnisse und Gefühle auszuhalten, einzuordnen und mitzutragen.

 

 

Foto: Pixabay

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